Wo der Krieg eskaliert, muss die Hilfe weitergehen

Ich schreibe diese Zeilen mit nur noch 21 % Akku auf meinem Computer, während ich in einem Keller weniger als 20 Kilometer von der Frontlinie entfernt sitze. Von diesem Schutzraum aus ist die Realität des Krieges erschütternd. Er nähert sich nun der Dauer des Ersten Weltkriegs. Der Krieg ist nicht mehr nur eine Abfolge von Schocks und Bewegungen, sondern ein Krieg der Ausdauer, der von einer kontinuierlichen Verschärfung geprägt ist. Die Zahl der Luftangriffe auf die Ukraine pro Monat ist von etwa 1000 im August 2024 auf 5200 im Dezember 2025 gestiegen. Diese Eskalation ist nun mitten im Winter in vollem Umfang zu spüren.

Dieser Winter ist mit Temperaturen von bis zu -19 °C auch der kälteste seit Jahren. Heizungsanlagen haben Probleme oder fallen aus. In diesen langen, eisigen Nächten wird die Stille nur durch das mechanische Geräusch von Drohnen und das entfernte Dröhnen von Raketen unterbrochen.
Kürzlich besuchte ich eine junge Familie in einem Dorf im Nordosten der Ukraine, das zuvor besetzt war. Die Eltern haben kleine Kinder, darunter ein Neugeborenes. Ihr Haus ist beschädigt, steht aber noch. Sie haben repariert, was sie konnten, und den Rest verbarrikadiert. Ihre Hoffnung war bescheiden: Sicherheit, Stabilität, eine Zukunft für ihre Kinder. «Wir wollen ein gutes und sicheres Leben für sie», sagte mir die Mutter, als würde sie etwas Selbstverständliches aussprechen, das hier jedoch unerreichbar scheint.
Ein paar Nächte später weckte mich ein schwerer Raketenangriff. Das Gebäude bebte, Angst machte sich schnell breit, aber ich musste zumindest nur mich selbst schützen. Meine Gedanken kehrten sofort zu dieser Familie zurück: zu den Eltern, die versuchten, ihre verängstigten Kinder zu beruhigen, die nichts als Krieg kennen, und zu der Müdigkeit, die Tag für Tag stärker wird.
Das ist der Teil des Krieges, über den wir selten sprechen: der allmähliche Verlust von Sicherheit, Stabilität und psychischem Wohlbefinden. Kinder zeigen Anzeichen von Angstzuständen und Entwicklungsverzögerungen, Erwachsene leiden unter Erschöpfung, und ältere Menschen bleiben allein in beschädigten Häusern zurück.
Für viele Gemeinschaften entlang der nordöstlichen Grenze der Ukraine war eine Flucht nie eine realistische Option. Die Kosten einer Flucht, sowohl finanziell als auch emotional, sind zu hoch. Also bleiben die Menschen. Sie halten durch. Sie passen sich an und tragen die ganze Last des Krieges.
Der Winter verstärkt jede Schwachstelle. Ein fehlendes Fenster wird zu einem Gesundheitsrisiko. Ein beschädigtes Dach löst eine Krise aus. Spitäler versorgen sich so gut es geht mit Generatoren. Familien schlafen in ihren Mänteln. Das Durchhalten wird von Tag zu Tag schwieriger.
Heute geht die humanitäre Hilfe in der Ukraine weit über die Nothilfe hinaus, die Sie vielleicht bereits unterstützt haben. Sie ist langfristig angelegt. Medair ist seit 2022 in der Ukraine präsent, um Familien zu helfen durchzuhalten: Wir ermöglichen unter anderem Zugang zu Wasser, Heizung und Unterkünften, damit die Menschen in ihren Häusern bleiben können. Diese Hilfe rettet nicht nur Leben, sondern bewahrt auch ihre Würde und Widerstandsfähigkeit.
Der Krieg geht weiter. Und das Leben auch.
Zwischen Stromausfällen und ständigem Alarm durch Luftangriffe feiern Familien Geburtstage, Kinder lernen lesen, Nachbarn reparieren gegenseitig ihre Dächer. Weitermachen ist keine Wahl. Es ist eine tägliche Herausforderung. Diese Menschen kämpfen nicht für das Aussergewöhnliche, sondern nur für das Wesentliche: eine normale Zukunft.
Wo der Krieg eskaliert, muss die Hilfe weitergehen.
Ihre Unterstützung ermöglicht lebensrettende Hilfe dort, wo sie am dringendsten benötigt wird: Notheizungen, um den Winter zu überstehen, Reparaturen an beschädigten Unterkünften, Schutzdienste und psychosoziale Unterstützung, um Familien zu helfen, den Krieg zu überstehen.
Sie ermöglichen es Familien wie der, die ich im Nordosten der Ukraine getroffen habe, diese Herausforderung mit Würde und Hoffnung zu bewältigen.
Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich auch an Familien, die im Sudan Hunger leiden, im Libanon vertrieben wurden oder in Madagaskar und anderen Krisenländern, in denen unsere Teams aktiv sind, von Naturkatastrophen betroffen sind. Mit Ihrer heutigen Spende kann Medair dort helfen, wo die Not am grössten ist – in der Ukraine und in allen anderen Ländern, in denen wir tätig sind.
Herzliche Grüsse
Naomi Gumaer
Humanitäre Helferin – Medair Ukraine
Dieser Inhalt wurde mit Ressourcen erstellt, die von Mitarbeitenden von Medair vor Ort und am internationalen Hauptsitz verfasst wurden. Die darin vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Organisationen übertragbar.
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